Überflutung in der Stadt
unsplash - Juan Manuel Sanchez

Zwei ungleiche Schwestern in der digitalen Stadt

Warum Klimafolgenanpassung und Klimaschutz grundlegend unterschiedliche Handlungsfelder der integrierten Stadtentwicklung sind – und warum auch im Kontext der Smart City auf ihre Unterscheidung sorgfältig geachtet werden sollte.

25.07.2024

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Der Ausgang: Eine Irritation

Bereits 2015 erschien ein Buchbeitrag mit dem Titel Treffpunkt im Unendlichen, der sich mit Synergien und Konflikten von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung in der Stadt- und Regionalentwicklung in Deutschland auseinandersetzte. Der Erstautor dieses Buchkapitels ist auch Autor dieses Blogbeitrags – und vielleicht fragen Sie sich, was den Anlass geben könnte, sich nach fast zehn Jahren noch einmal mit dem Verhältnis beider Handlungsfelder eingehender zu befassen, denn: In der Fachdiskussion sind die Synergien und Differenzen zwischen Klimaschutz und Klimafolgenanpassung insbesondere auf kommunaler Ebene seit Langem ausdiskutiert.

Umso irritierender ist, dass in diesen Monaten im Smart-City-Kontext immer wieder Workshops angeboten werden, die zwar die potenziellen Beiträge digitaler Lösungen für beide Handlungsfelder ankündigen, sich jedoch lediglich der Entwicklung grüner oder blauer Infrastrukturen in städtischen Räumen widmen. Irritierend sind auch immer wieder veröffentlichte Fachartikel und vermeintliche Hintergrundberichte in Zeitschriften, die beispielsweise die Rolle digitaler Tools im Klimaschutz vorzustellen versprechen, sich aber nur mit Hitzeaktionsplänen und anderen Maßnahmen eines proaktiven Hitzemanagements in Städten befassen. Demgegenüber werden Maßnahmen zur Stärkung erneuerbarer Energien in der Energieversorgung immer wieder als Maßnahme der Klimaanpassung präsentiert.

Schnittstellen und Berührungspunkte beider Handlungsfelder stehen dabei außer Zweifel: Beispielsweise wirkt sich die Nutzung von Klimaanlagen während Hitzeperioden deutlich auf den Stromverbrauch und somit auf anfallende CO2-Emissionen aus. Auch können extreme Wetterereignisse Ausfallmuster bei der Produktion erneuerbarer Energien auslösen. Die energetische Sanierung von Wohngebäuden erzeugt durch die gestiegene Luftdichtigkeit und Dämmwirkung angenehme Raumtemperaturen sowohl im Sommer wie im Winter. Zudem erhöht ein forcierter Ausbau der grünen Infrastruktur die Speicherkapazität von CO2 in Städten, marginal zwar, aber immerhin. Dies ist eindeutig und längst diskutiert.

Vermischt man beide Handlungsfelder in Smart-City-Projekten, entsteht aber die Frage, wie diese Vorhaben Herausforderungen der integrierten Stadtentwicklung adressieren sollen, wenn das eigentliche Problemverständnis nicht klar und präzise ausformuliert ist. Und: Wie lassen sich (stadt-)gesellschaftliche Gruppen und Akteure für eine Mitwirkung an Maßnahmen zum Klimaschutz beziehungsweise zur Klimafolgenanpassung motivieren, wenn die unterschiedlichen Ziele, Prämissen und Maßnahmen beider Handlungsfelder nur unzureichend kommuniziert und handelnde Akteurinnen und Akteure falsch adressiert werden? Kurzum: Wie sollen die umfassenden digitalen Angebote der Smart City für beide Handlungsfelder ernst genommen werden, wenn deren Kommunikation nicht basalen, fachlichen Standards genügt?

Hier zeichnet sich das Anliegen dieses Blogbeitrags ab: Ein Unbehagen über eine auftretende Vermischung der beiden ungleichen Schwestern kommunaler Klimaresilienz in der Smart City zu äußern und noch einmal daran zu erinnern, dass Klimaschutz und Klimafolgenanpassung trotz einiger gemeinsamer Voraussetzungen und Synergien zwei grundlegend unterschiedliche Handlungsfelder der integrierten Stadtentwicklung sind.

Eine mögliche Ursache: Smart City meets Fachthemen

Vielleicht ist diese immer wieder auftretende Vermischung von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung auch ein Indiz dafür, dass sich Smart-City-Vorhaben in Deutschland von ihren ursprünglichen Grundlagenthemen lösen und vermehrt hin zu Handlungsfeldern beziehungsweise Herausforderungen der integrierten Stadtentwicklung bewegen. Ein Indiz für einen solchen Übergang lässt sich exemplarisch auch an den Publikationen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zur Smart-City-Entwicklung in Deutschland erkennen: Seit der Veröffentlichung der Smart City Charta 2017 widmeten sich diese überwiegend den organisatorischen Grundlagen von Smart Cities, ihren Datenstrategien und -plattformen, der Rolle digitaler Zwillinge und ihrer Voraussetzungen sowie den Möglichkeiten der Wirkungsmessung. Vermehrt ist jedoch auch hier eine Bewegung erkennbar, stärker die Schnittstellen zwischen dem Thema Smart City und der integrierten Stadtentwicklung mit ihren Fachthemen deutlicher aufzuzeigen, etwa zur Resilienz, zum Klimaschutz, zur Mobilität oder zum Einzelhandel.

Das Thema Smart City kommt also langsam in den Fachthemen der integrierten Stadtentwicklung an und die Qualität ihrer Angebote wird sich sicher auch daran messen lassen müssen, in welcher Weise es für Herausforderungen der integrierten Stadtentwicklung präzise und fachlich angemessene Lösungsansätze anzubieten in der Lage ist. Die immer wieder auftretende Vermischung von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung stünde dann (hoffentlich) nur für ein temporäres Übergangsphänomen.

Noch einmal zur Erinnerung: Die beiden Säulen kommunaler Klimaresilienz

Klimafolgenanpassung befasst sich mit den regionalen Folgewirkungen des globalen Klimawandels und dem proaktiven Umgang mit diesen. Die Zunahme extremer Wettereignisse und eine schleichende Verschiebung von Klimazonen – Hitzeperioden und Trockenheit, Starkregenfälle und Hochwasser sowie Sturmereignisse – erfordern daher auch von Kommunen, sich vorausschauend an auftretende Klimafolgen anzupassen. Klimafolgenanpassung dient daher unter anderem dazu, die Lebensqualität in Städten und Regionen zu erhalten, die Gesundheit von Bewohnerinnen und Bewohnern zu schützen und notwendige kommunale Infrastrukturen funktionsfähig zu halten.

 

Gegenüberstellung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen
Gegenüberstellung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen sowie Maßnahmen mit Synergieeffekten Quelle: GERICS & KfW 2015, verändert.

Diese Ziele gehen grundsätzlich jedoch in eine andere Richtung als die Ziele eines ambitionierten Klimaschutzes oder gar einer bilanziellen Klimaneutralität: Im Fokus steht hier insbesondere lokal anfallende Treibhausgasemissionen unter anderem in den Handlungsfeldern „Wohnen“, „Mobilität“, „Verkehr“ und „Wirtschaft“ deutlich zu senken (zum Beispiel CO2). Die zentralen Strategien hierzu sind gleichermaßen a) den Einsatz erneuerbarer Energien in diesen Handlungsfeldern deutlich auszuweiten und fossile Energieträger zu substituieren sowie b) die Energieeffizienz von Geräten und Gebäuden kontinuierlich zu steigern und Energieverbräuche auch in absoluten Werten merklich zu verringern. In der Nachhaltigkeitsdimension haben diese drei Strategien seit langem einen Namen: Konsistenz („anders“), Effizienz („besser“) und Suffizienz („weniger“).

Spätestens seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 sind beide Themen auf der politischen Agenda. Während in diesen frühen Phasen die Klimafolgenanpassung noch sehr stark aus einer internationalen Perspektive betrieben wurde, begannen Kommunen in Deutschland, eigene Nachhaltigkeits- und Klimaschutzkonzepte zu entwickeln, unter anderem im Kontext der Lokalen Agenda 21. Mit Blick auf die damals noch geringeren Einwirkungsmöglichkeiten von Kommunen im Energiesektor standen in den frühen Klimaschutzkonzepten dieser Zeit insbesondere der Gebäudebereich und der Ausbau der erneuerbaren Energien im Zentrum. 

Unendlich viel ist seitdem passiert, gesetzlich, politisch, kulturell. Das gesetzliche Spektrum auf nationaler Ebene umfasst mittlerweile das mehrfach novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das 2020 in Kraft getretene Gebäudeenergiegesetz (GEG), das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) oder das Gesetz für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung der Wärmenetze (WPG).

Vielfältige Förderungen unter anderem im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative oder des Klimaschutzsofortprogramms unterstützen Kommunen dabei, aktiven Klimaschutz zu betreiben. Spätestens die Novellierung des Klimaschutzgesetzes (KSG) von 2022 hat auch Städte und Gemeinden bestärkt, im Rahmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung das ambitionierte Ziel einer Klima- beziehungsweise Treibhausgasneutralität bis zum Jahr 2045 zu verfolgen. Ambitionierte Städte wie Dresden, Frankfurt, Freiburg, Mannheim, München oder Münster verfolgen sogar das Ziel einer bilanziellen Klimaneutralität bis 2030 oder 2035. Das nächste Level ambitionierter Klimaschutzpolitik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene ist daher längst erreicht.

Mit steigenden regionalen Folgewirkungen des globalen Klimawandels begannen Kommunen ab Anfang der 2000er-Jahre auch, sich systematischer mit Herausforderungen der Klimafolgenbewältigung und -anpassung zu befassen. In frühen Projekten und Förderlinien etwa des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) standen hier auf kommunaler Ebene insbesondere der Bereich der Wasserinfrastruktur und der Ausbau der grünen Infrastruktur im Zentrum der Aufmerksamkeit. Bereits seit 2008 wird die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) mit ihren sechs Themenclustern (vormals: 13 Handlungsfeldern) fortentwickelt. 2021 wurde das Zentrum KlimaAnpassung (ZKA) gegründet, seit 2022 gibt es das Sofortprogramm Klimaanpassung. Mit vielen Schnittstellen zu Smart-City-Projekten unterstützt das Förderprogramm Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel indes über 300 kommunale Projekte mit Investitionsmitteln zur Umsetzung von Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung. Eine vierte Tranche von kommunalen Projekten ist im Sommer 2024 im Bewilligungsprozess.

Für den gesetzlichen Rahmen sei hier zudem das im Juli 2024 in Kraft getretene Klimaanpassungsgesetz (KAnG) genannt, in dessen Zuge sich die Bundesregierung unter anderem verpflichtet, eine vorsorgende Klimaanpassungsstrategie mit messbaren Zielen vorzulegen, diese regelmäßig zu aktualisieren und fortlaufend umzusetzen. In diesem Zusammenhang müssen die Länder eigene Klimaanpassungsstrategien auflegen und dafür Sorge tragen, dass auch auf lokaler Ebene entsprechende Konzepte aufgestellt werden. Das Klimaanpassungsgesetz bildet dabei auch für die kommunale Ebene den übergreifenden gesetzlichen Rahmen für eine Reihe bereits aufgelegter Handlungsansätze und Angebote auf Bundesebene.

Die Bringschuld der Smart City

Das Thema Smart City bietet zahlreiche Grundlagen, Anwendungen und Lösungen an, um Kommunen in ihren Aktivitäten zum Klimaschutz beziehungsweise zur Klimafolgenanpassung zu unterstützen (vgl. Schüle 2023). In verdichteter Form lassen sich vier Phasen des Managements von Klimaresilienz unterscheiden, zu denen digitale Anwendungen und Lösungen beitragen können – freilich mit unterschiedlichen Schwerpunkten in den Handlungsfeldern „Klimaschutz“ und „Klimafolgenanpassung“:

Digitale Tools im Resilienzzyklus
Digitale Tools im Resilienzzyklus Quelle: Schüle 2023 nach Fekkak et al. 2016.

1.    digital gestützte Problem- und Risikoanalyse
2.    digital gestützte Zielfindung und Strategieentwicklung
3.    digital gestützte Handlungsansätze und Maßnahmen
4.    digital gestützte/s Monitoring und Evaluation

Die Anforderungen an eine evidenzbasierte und wirkungsvolle kommunale Klimaschutz- beziehungsweise Klimaanpassungspolitik steigen dabei mit zunehmenden Handlungserfordernissen. Es scheint kaum vorstellbar, dass diese sich ohne eine systematisch erweiterte und fachbereichsübergreifend angelegte digitale Dateninfrastruktur und den Ausbau digitaler Kompetenzen von Verwaltung und Personal auf kommunaler Ebene überhaupt umsetzen lassen.

Auf dem Symposium „Smart City Science“ des BBSR am 19. Juni 2024 erklärte eine engagierte Teilnehmerin und Smart-City-Teamleiterin aus einer deutschen Großstadt, dass sie das dortige Smart-City-Team mit seinen Angeboten an Daten und Anwendungen zumeist in einer Art „Bringschuld“ sähe: Häufig würden die im Rahmen des lokalen Smart-City-Projekts bereitgestellten digitalen Daten oder Lösungen auch deswegen kaum durch andere Fachbereiche aufgegriffen, weil noch bestehende fachliche und kommunikative Hindernisse überwunden werden müssten. Häufig fehle auch innerhalb des Smart-City-Teams ein präzises Verständnis davon, welche Bedarfe an Daten und Lösungen in anderen Fachbereichen und ihren jeweiligen Verfahren eigentlich bestünden.

Smart-City-Forschung des BBSR
Smart-City-Forschung des BBSR Daniel Regnery (BBSR).

So kommt das Thema Smart City langsam in den Fachthemen an. Vielfältige gegenseitige Lernprozesse in und zwischen Kommunen sind unter anderem auch durch die Förderungen im Rahmen der Modellprojekte Smart Cities initiiert, allerdings mit einem sehr hohen Kommunikationsbedarf zwischen den Fachbereichen und den Smart-City-Teams, aber auch zwischen den Smart-City-Teams und der Stadtgesellschaft. Eine solche Kommunikation kann allerdings nur gelingen, wenn Ziele, Maßnahmen, Lösungsansätze sowie relevante Akteurinnen und Akteure sorgfältig auseinandergehalten und präzise benannt werden.

Insofern sollte stets deutlich werden, über welche der beiden Schwestern der kommunalen Klimaresilienz man in der Smart City spricht: vom Klimaschutz oder der Klimafolgenanpassung. Dies steigert die Wahrscheinlichkeit maßgeblich, dass digitale Lösungen auch für erkannte Ausgangsprobleme und Herausforderungen wirkungsvoll zur Anwendung kommen. 

Literaturverzeichnis

Bender, S.: Cortekar, J. (2017): Anpassung an die Folgen des Klimawandels in der Stadtplanung und Stadtentwicklung – der GERICS-Stadtbaukasten, S. 55. Grafik entlehnt an GERICS & KfW (2015): Climate-Focus-Paper: Cities and Climate Change, 10 p. [Hrsg. Climate Service Center Germany and KfW Development Bank], Zugriff: https://www.researchgate.net/publication/321974114_Anpassung_an_die_Folgen_des_Klimawandels_in_der_Stadtplanung_und_Stadtentwicklung_-_der_GERICS-Stadtbaukasten [zuletzt abgerufen am 1. Juli 2024].

Schüle, R. (2023): Transformation richtungssicher gestalten: Digitale Tools zur Stärkung kommunaler Klimaresilienz. In: BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.): Beschleunigter Wandel und Resilienz: Leitlinien für die Entwicklung resilienter Städte im digitalen Zeitalter. Nationale Dialogplattform Smart Cities (Langfassung). Bonn: 38–41. Zugriff: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonderveroeffentlichungen/2023/leitlinien-entwicklung-resilienter-staedte-lf-dl.pdf?__blob=publicationFile&v=3 [zuletzt abgerufen am 28. Juni 2024].

Schüle, R; Liesenfeld, J; Madry, T. (2015): Treffpunkt im Unendlichen: Synergien und Konflikte von Klimaschutz und Klimawandelanpassung in der Stadt- und Regionalentwicklung, Beispiel: Die Emscher-Lippe-Region. In: Knieling, J. (Hrsg.): Governance der Klimaanpassung: Akteure, Organisation und Instrumente für Stadt und Region: 69–86. München: oekom.

Autorinnen und Autoren
Dr. Ralf Schüle

Dr. Ralf Schüle

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Referat RS 5 „Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr“